Brasilien – Disparitäten eines Schwellenlandes

Vortrag von Walter Rung, OT 35 Kaiserslautern zum Thema:

Brasilien – Disparitäten eines Schwellenlandes

Da der Sekretär heute gleichzeitig Vortragender ist, wird der Bericht aus dem Gedächtnis gefertigt

Zunächst erklärt er seine Affinität zu Brasilien.

Bereits als Student beschäftigte er sich mit der Geographie des Landes und bereist das Land seit 1990 regelmäßig vom gemäßigten, gut entwickelten Süden, bis in die entlegenen Gebiete Amazoniens. Seit 2004 engagiert er sich über Kolping international bei Entwicklungsprojekten  in Elendsvierteln der Städte des Südostens und Nordosten und seit 2008 bei Arbeitseinsätzen und Projektbetreuung im Landesinnern am Südrand des Amazonastieflandes.

Der Vortrag zeigt anhand von Bildern und Karten die zahlreichen Ungleichgewichte in räumlicher, wirtschaftlicher, sozialer und politscher Hinsicht auf erläutert die Hintergründe der Disparitäten

Gliederung

  • Der verstädterte Osten und Süden
  • Tourismus – Chance oder schöner Schein
  • Ursachensuche
  • Folgen von Fehlentwicklungen
  • Der ländliche Raum – benachteiligt – vergessen
  • Entwicklungsansatz –Hilfe zur Selbsthilfe

Anhand der Raumbeispiele Sao Paolo,  Rio de Janeiro und anderer Städte des Südostens und Nordostens wird erkennbar, dass sich die Innenstädte äußerlich kaum mehr von europäischen oder nordamerikanischen Großstädten unterscheiden. Es dominieren Büro- und Geschäftshochhäuser, es gibt zahlreiche mondäne Einkaufzentren, vergleichbare Verkehrsprobleme und ein reges kulturelles Leben, das oft nur die Klischees über Brasilien bedienen.

Wer sich aber in die Stadtrandgebiete wagt, bitte nicht ohne kundige Begleitung, spürt sehr schnell, dass weite Teile der Bevölkerung von jeglicher Entwicklung abgekoppelt sind, unter elenden Bedingungen hausen müssen und täglich einen Überlebenskampf  führen. Bereits hier wird deutlich, dass das „ewige !?“ Schwellenland Brasilien durch eine soziale und ökonomische Spaltung geprägt ist, die sich nach einigen Jahren der Hoffnung auf sozialen Ausgleich nunmehr wieder zu verschärfen scheint.

  • Unter den rund 207 Mio. Einwohnern herrscht große soziale Ungerechtigkeit
  • Mehr als 12 Mio. Menschen leben in extremer Armut, d.h. sie haben weniger als 25 € im Monat zum Leben
  • Mehr als 30 Mio. Menschen gelten als arm, d.h. sie können sich zwar ausreichend ernähren, leiden aber Not. (Einkommen: weniger als 50 € im Monat)
  • 100 Mio. Menschen zählen zur Mittelschicht, Verdienst ca. 700,- € im Monat
  • Extremes Stadt – Land Gefälle mit anhaltender Landflucht – Bereits 80% der Bevölkerung leben in Städten

Als Tourist wird man nur selten mit dieser Realität in Kontakt kommen, sondern erfreut sich an den Naturschönheiten des Landes, seinen kulturellen oder historischen Sehenswürdigkeiten oder bekannten Klischees von Samba, Karneval, Copacabana, Fußball und Lebensfreude, was es tatsächlich auch gibt. Im Süden wird sich mancher Besucher schnell heimisch fühlen, gibt es doch dort, wie z. B. in Blumenau, aber auch in anderen Orten der Staaten Santa Catarina und Rio Grande do Sul zahlreiche Spuren deutscher Auswanderer.

Auch die zahlreichen kulturellen Sehenswürdigkeiten und Naturräume ziehen vermehrt Touristen an, der Blick vom Corcovado mit der Monumentalstatue „Christo Re“ über Rio, „ o Maravilhosa“ (die Wunderbare) ist unvergesslich, die kolonialzeitliche Architektur in Salvador, Paratie, Ouro Preto u.a. mit imposanten Sakralbauten beeindrucken jeden Besucher. Der Besuch der wasserreichsten Wasserfälle Foz do Iguacu lassen schnell die Erinnerungen an die Niagarafälle verblassen. Wer Natur erleben möchte, kann in gut ausgestatteten „Urwaldlodges“ am Amazonas oder „Fazendas“ im Pantanal perfekt organisierten Ökotourismus erleben inklusive Folkloretanz herausgeputzter Indianer.

Sicherlich schaffen solche Tourismusvorhaben auch Arbeitsplätze für Einheimische, der Gewinn geht aber in der Regel an Kapitalgeber in den Großstädten oder ins Ausland und die herausgeputzten Indigenas werden nach dem Tanz wieder in ihre Hütten in den Reservaten zurückkehren, bedrängt von den Weideflächen der Großgrundbesitzer und kriminellen Landräubern.

Auf der Suche nach den Ursachen der ungleichen Entwicklung  Brasiliens stößt man schnell auf die koloniale Vergangenheit des Landes, deren Nachwirkungen bis heute erkennbar sind.

Extreme regionale, wirtschaftliche, demographische, soziale und politische Gegensätze als Folge von:

  • Kolonialzeitlicher Ausbeutung – wirkt bis heute nach, das Landesinnere ist vernachlässigt
  • Sklaverei, erst 1888 abgeschafft – Afrobrasilianer gehören zu den Ärmsten des Landes
  • Vernachlässigung des öffentlichen Bildungssektors – Gute Privatschulen sind teuer und für die Armen unerschwinglich
  • Exportorientierung der Wirtschaft – Erdöl, Erze, Holz, Fleisch, Soja, Kaffee
  • Vernachlässigung einer Binnenentwicklung zugunsten der Ballungsräume an der Ostküste
  • Ungleicher Besitzverteilung – wenige Großgrundbesitzer halten 50% des Agrarlandes, viele Kleinbauern haben zu wenig Land, rund 12 Mio. sind sogenannte Landlose und werden ausgebeutet
  • Fehlender Agrarreform
  • Hohem Bevölkerungswachstum
  • Korruption auf allen Ebenen des öffentlichen Lebens

Die Unfähigkeit des Landes, seiner Politiker, der Wirtschaft und der Bildungseliten, an den Strukturen grundsätzlich etwas zu ändern schaffen bis heute soziale Ungerechtigkeit, wirtschaftliche Ausgrenzung und Ausbeutung, Naturzerstörung und Landraub, Vernachlässigung breiter Bevölkerungsteile bei Bildung, sozialer und politscher Teilhabe, Landflucht,  Elendsviertel  und hohe Kriminalität.

Seit langem wird die Entwicklung des ländlichen Raumes in Brasilien vernachlässigt, mit der Folge, dass bereits 80 % der Bevölkerung in Städten leben. Demgegenüber weitet sich Großgrundbesitz mit Sojaanbau oder extensiver Weidewirtschaft immer weiter, auch in ökologisch sensible Gebiete, aus, verdrängt, auch mit Gewalt ansässige Kleinbauern und Indigene. Rücksichtslos wird dabei die Arbeitskraft der Landlosen ausgebeutet, die sich für einen Hungerlohn zur Arbeit in tropischer Hitze verdingen müssen, um zu überleben. Die Politik ist nicht in der Lage grundsätzlich etwas zu ändern, da Korruption auf allen Ebenen der Politik und der Verwaltung den Mächtigen Einfluss sichert.

Während „die große Politik“ kaum in der Lage oder willens ist, an den bestehenden Verhältnissen etwas zu verändern, versuchen Basisgruppen mit viel Idealismus, den Armen, Ausgegrenzten und Verelendeten in den Favelas der Großstädte, den Landarbeitern, Landlosen und Kleinbauern in den ländlichen Gebieten Unterstützung, Bildung und Würde zu geben. Diese Aktivitäten werden auch von Kolping International unterstützt.

An Beispielen aus dem Staat Tocantins südlich des Amazonastieflandes, etwa so groß wie Deutschland aber mit nur1,17 Mio. Einwohnern, einer der ärmsten Regionen Brasiliens kann diese Zielsetzung aufgezeigt werden. Seit 2006 wurden in 5 Dörfern Strukturen aufgebaut, die nachhaltig die Lebensverhältnisse verbessern können. Ehrenamtliche Mitglieder der örtlichen Comunidade Kolping organisieren sich eigenständig, planen und entwickeln Projekte, richten Fortbildungs- und Alphabetisierungskurse ein, betreiben kleine Hühnerfarmen, führen Jugendpräventionsarbeit gegen Prostitution, Drogen und Kriminalität durch oder organisieren Nähkurse für Frauen. Dazu wurden in den letzten 10 Jahren in den Dörfern einfache aber zweckmäßige Häuser errichtet, die als Versammlungs- und Schulungsräume dienen. Wichtige Aspekte der Basisarbeit sind, den Menschen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, demokratische Entscheidungsprozesse zu ermöglichen auch mit der Möglichkeit des Scheiterns, ihnen Chancen zur sozialen und politischen Teilhabe zu eröffnen, die Familien zu stärken, Jugendlichen Halt und Orientierung zu geben und langfristig Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung zu nehmen.

Abschließend sei betont, dass trotz aller Widersprüche und Defizite Brasilien ein wunderschönes Land mit liebenswerten Menschen und eindrucksvollen Naturschönheiten ist damit sind nicht nur die hübschen Mädchen an der Copacabana gemeint.