Eisenkunstguss

OT71_KaminplatteVortrag vor OT71 von Günter Schinkel

Kunstguss, d.h. das Gießen von Kunst- oder Kultgegenständen ist über 5000 Jahre alt. Ganz frühe Funde zeigen, dass in China, Indien und Vorderasien um die Zeit 3000 v.Chr. Gegenstände aus Metall, überwiegend aus Gold oder Bronze gegossen wurden nach dem Wachsausschmelzverfahren. Bei den so hergestellten Gussstücken handelt es sich um Unikate, denn Modell und Form werden zerstört und ein vom Original abgenommener Abguss würde wegen der Materialschwindung etwa 1% kleiner ausfallen.

Eisenguss wurde seit etwa 500 v.Chr. bereits von den Chinesen beherrscht, ca. 2000 Jahre vor den Europäern. Die Chinesen verfügten über starke, durch Wasserkraft angetriebene Gebläse und konnten so in den Verhüttungs- und Schmelzöfen höhere Temperaturen erzeugen. Der Schmelzpunkt von Eisen beträgt 1539° C, während dieser bei Gold 1063° C und bei Kupfer, dem Hauptbestandteil der Bronzelegierung, bei 1083° C liegt. Damals gab es bereits eine Massenerzeugung von Werkzeugen und Ackergeräten, die durch Wärmebehandlung (Tempern) eine höhere Schlagfestigkeit erhielten.

Etwa um 1400 hält auch in Europa der Eisenguss Einzug, nachdem die technischen Voraussetzungen für das Schmelzen in Schacht- und Tiegelöfen beherrscht wurden. Erste Produkte waren Geschützrohre und –kugeln. Als Formtechnik wurde wie schon beim Bronzeguss Lehmformerei mit Schablonen angewendet, während für Kugeln schon bald Dauerformen (Kokillen) eingesetzt wurden. Mitte des 15. Jh. wurde dann auch sog. „Friedensware“ hergestellt, z.B. Wasserleitungsrohre und Glocken aus Gusseisen.

Erste Epoche des künstlerischen Eisengusses begann ca. 1500, also in der frühen Zeit des europäischen Eisengusses, mit der Herstellung von Kamin- und Ofenplatten, Grabmälern und Brunnen im offenen Herdgussverfahren (Abb. 1). Dabei wird ein Holzmodel oder Formstempel, zumeist geschnitzte Holzreliefs, in feuchten Sand gedrückt, danach wieder entfernt und die Vertiefungen anschließend mit flüssigem Eisen gefüllt. Nach dem Erstarren wurden dann die Platten für Kamine und Öfen usw. zusammengebaut. Später wurden auch Metallstempel zum Abformen eingesetzt, da die meist aus Lindenholz geschnitzten Modeln nach mehrmaligem Gebrauch abnutzten und die Konturen nicht mehr scharf wiedergegeben wurden. Dabei handelt es sich also um Serienguss, da das Modell nicht zerstört wird sondern nur die Form. Die Herdplatten waren meist 5 bis 10 mm stark, bis über 1 m breit und wogen über 50 kg.

Damaliges Zentrum für Eisenguss war die Eisenstadt Siegen. Wenn möglich, wurde Gusseisen verwandt für Rohre, Bratroste, Kochtöpfe, Gewichtssteine, Schmelztiegel, Glocken, Feuerböcke, Brunnentröge, Kamin-, Öfen- und Grabplatten. So wurde der Fußboden der Nicolaikirche in Siegen ganz mit gusseisernen Platten ausgelegt.

Große Bedeutung hatte Eisenguss im Bauwesen und zu Beginn der Industrialisierung: Hallen mit Säulen und Bindern sowie gesamte Kuppelkonstruktionen aus Gusseisen, Brücken, Balkongitter u.ä. Die heraufziehende Industrialisierung wäre ohne Eisenguss undenkbar gewesen.

Die Geschichte des Berliner Eisenkunstgusses (Berliner Eisen) beginnt Ende des 18. Jh. und reicht bis in die Mitte des 19. Jh. Es ist die Blütezeit des künstlerischen Eisengusses.

Sie beginnt um 1750 mit dem Bestreben in Preußen, für die Produktion von Artillerie- und Munitionsbedarf von schwedischen Eisengießereien unabhängig zu werden. Dies führte zur Gründung der Königlich-Preußischen. Eisengießereien in Gleiwitz (1796), Berlin (1804) und später in Sayn bei Koblenz (1817). Auch das Eisenwerk Lauchhammer bei Cottbus, das noch heute besteht, ist für den Kunstguss von großer Bedeutung. Denn hier gelang es 1794 zum ersten Mal, eine Statue in Eisen zu gießen.

Schon bald wurden in den Gießereien Gebrauchs- und Schmuckgegenstände aus Eisenguss hergestellt, z.B. Gedenkmünzen an Siege während der Befreiungskriege oder das Eiserne Kreuz (Entwurf durch Karl-Friedrich Schinkel). Von nahezu allen zeitgenössischen Persönlichkeiten wurden Medaillen angefertigt, dazu Plaketten, auch mit religiösen Motiven sowie gegossene „Neujahrskarten“ (Abb. 2). Hinzu kamen Gebrauchsgegenstände aus Eisenkunstguss, wie Vasen, Schalen, Kerzenleuchter, Möbel usw.

Bald kamen auch Großgussteile dazu, so u.a. Brücken (z.B. Schlossbrücke in Berlin), Denkmale (z.B. Kreuzbergdenkmal (Abb. 3) , Denkmal für den im Dreißigjährigen Krieg gefallenen Schwedenkönig Gustav Adolf) ,der Aussichtsturm am Löbauer Berg, der Leuchtturm in der Weichselmündung (gefertigt bei Borsig in Berlin), Königliche Sternwarte in Berlin mit gusseiserner Kuppelkonstruktion.

Die 2. Periode des künstlerischen Eisengusses von ca. 1800 bis 1850 wurde ermöglicht durch den bis dahin erzielten technischen Fortschritt. Verbesserte Schmelztechnik in Tiegel- sowie Kupolöfen, Einsatz von Koks statt Holzkohle und Gebläsetechnik zur „Winderzeugung“ führten dazu, dass die Gießer die Zusammensetzung des Eisens besser einstellen konnten. In der Formtechnik herrschte der Sandguss im Formkasten vor. Dabei wird ein geteiltes Modell aus Holz, Gips oder Metall in Formkästen (Unter- und Oberkasten) in Sand abgeformt und dann abgegossen. Für besonders schöne, d.h. glatte Oberfläche kommt es auf die Struktur des Sandes an. Gleichzeitig muss der Sand aber auch zusammenballen. Er wird daher angefeuchtet und bekommt zusätzlich ein Bindemittel (Ton, z.B. Bentonit oder Öl). Das sog. Ölsandverfahren ergibt hervorragende Oberfläche, stinkt aber beim Abgießen. Ferner wird ein Trennmittel dazu gegeben (Kohlenstaub, Ruß), um den Guss leichter von der Form trennen zu können, aber auch, um ein zu schnelles Abkühlen des flüssigen Eisens an der Sandform zu verhindern. Ansonsten würde bei der sog. Weißerstarrung die entstehende Kantenhärte zu einer schlechten Bearbeitbarkeit des Materials führen.

Nach dem Entfernen des Gussstückes aus der Form wird es gereinigt, geputzt, mit z.T. feinsten Werkzeugen nachgearbeitet und die Oberfläche mit Leinöl, Wachs und Kienruß behandelt. Der entstehende schwarze Farbauftrag dient dem Rostschutz und einer schöneren Oberfläche.

Neben dem Formen im Formkasten hatte auch das Ausschmelzverfahren, das für den Serienguss weiterentwickelt wurde, eine große Bedeutung sowie das Kernstückformverfahren, so dass auch komplizierte Modelle mit Hinterschneidungen leicht ausgeformt werden konnten.

Eine besondere Ausprägung des Eisenkunstgusses war der Eisenschmuck. Die Schlichtheit des Materials, sein spröder Charakter sowie die klaren Konturen entsprachen den bürgerlichen Vorstellungen und dem Stilempfinden des Klassizismus. Beständigkeit, Bescheidenheit und Zurückhaltung kennzeichneten die Einstellung der Menschen.

Im Zuge der Befreiungskriege 1813 bis 1815 – fast ganz Europa war von Napoleon besetzt – kam der Appell „Gold gab ich für Eisen“ durch Prinzessin Marianne von Preußen und ihren Frauenverein. Es war “vaterländische Pflicht“, seinen Goldschmuck abzugeben und gegen Eisenschmuck einzutauschen, um damit seinen persönlichen Beitrag zur Unterstützung der Befreiungskriege zu dokumentieren. In Berlin wurden etwa 160 000 Goldschmuckstücke, vorwiegend Ringe, gegen Eisenschmuck eingetauscht. Übrigens wurde dieser Aufruf auch während des 1. Weltkrieges wiederholt.

Unter der Devise „Gold gab ich zur Wehr, Eisen erhielt ich zur Ehr“, tauschten die Bürger

Eisen gegen Gold, Silber, Bronze, Elfenbein und Edelsteine. Was in Preußen aus schwerer finanzieller Notlage geboren war, wurde zur begehrenswerten Neuheit, weil es dem Zeitgeschmack entsprach.

Diese Mode ging unter dem Markennamen „Berliner Eisen“ (Fonte de Berlin, Berlin Iron) etwa 30 Jahre durch ganz Europa bis Nord- und Südamerika. Versuche in England und Frankreich, Schmuckstücke nachzugießen, scheiterten. Dies erklärt sich durch den besonders feinen Formsand aus der Mark Brandenburg, der zum Guss noch mit Lehmwasser getränkt wurde. Wichtig war auch die richtige Temperatur beim Gießen. Das Eisen durfte nicht zu heiß sein, weil sonst beim Erstarren die dünnen Kanäle brechen können.

Herausstechend ist die unvorstellbare Feinheit und Zierlichkeit der Schmuckmotive und feinsten Glieder bis hin zu fadendünnen Gussteilen, die zu Colliers, Armbändern, Diademen und Ohrgehängen verarbeitet wurden Abb. 4). Es gab „Gewebeteile“ aus gesponnenen und dann geflochtenen Eisen- und Stahldrähten; diese Technik gab es unter der Bezeichnung „Fer de Berlin“ nur in Berlin. Die Eisenschmuckteile wurden teilweise mit Verzierungen aus Gold (z.B. Ringe von innen gegen Rostbildung), Einsätzen aus Email oder anderen Materialien versehen.

Einer der bedeutendsten Juweliere für Eisenschmuck war der Offenbacher Johann Conrad Geiß. Er ließ sich in Berlin nieder und verkauft zunächst Eisenschmuck der Gießerei Gleiwitz. Aufgrund der großen Nachfrage gründete er eine eigene Eisengießerei zur Herstellung der äußerst filigranen Schmuckstücke. Auch Schinkel beteiligte sich mit Entwürfen zu Schmuckstücken und der Tiroler Bildhauer Leonhard Posch, der einer der bedeutendsten Modelleure dieses Genre war. Auch der Schmuckfabrikant Siméon Pierre Devaranne stellte in seiner eigenen Gießerei und Werkstatt wunderschöne Schmuckstücke aus Eisenguss her.

Größere Schmucksammlungen gibt es im Kunstgewerbemuseum Schloss Köpenick,
im Eisengussmuseum Hirzenhain (gehört zur dortigen Kunstgießerei der Firma Buderus) sowie im Stadtmuseum Bautzen.
Die Kunstgießerei Hirzenhain produziert u.a. den Nachguss eines Schmetterlings als Brosche mit 3,2 g Gewicht (Abb. 5).

Zu den Bildhauern des Klassizismus gehörten zahlreiche bekannte Künstler, die Entwürfe oder Modelle für künstlerische Werke aus Eisenguss erstellten, z.B. für Denkmäler, Büsten oder Großplastiken.

Zu den profiliertesten Künstlern zählte Christian Daniel Rauch. Der gelernte Steinmetz und Bildhauer wurde Kammerlakai der Königin Luise und schuf zahlreiche Büsten der Königin, deren Marmor-Originale in Bronze und Eisen nachgegossen wurden. Auch Johann Gottfried Schadow gehörte zu diesem Kreis. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Quadriga für das Brandenburger Tor, das Reiterstandbild König Friedrichs II. und zahlreiche Denkmäler , z.B. das Lutherdenkmal in Wittenberg und das Blücherdenkmal in Rostock.

Eine herausragende Stelle unter den Künstlern des Klassizismus, die sich mit Eisenkunstguss befassten, hatte Karl Friedrich Schinkel (1781 – 1841).

Zu den bekanntesten seiner Entwürfe zählt das Kreuzbergdenkmal in Berlin für die Gefallenen der Befreiungskriege. Es ist der größte Eisenguss der Eisengießerei Berlin und besteht u.a. aus 12 Großfiguren (Genien), die jeweils in 7 Einzelteilen gegossen und dann zusammengefügt wurden. Nach Beschädigungen im 2. Weltkrieg ist das Denkmal heute wieder instandgesetzt. Zu den Großprojekten gehört auch die schon erwähnte Schlossbrücke in Berlin sowie die Kuppel der dortigen Sternwarte. Auch das Eiserne Kreuz und weitere Gedenkmünzen an die Schlachten der Befreiungskriege zählen ebenso zu seinen Werken wie Gartenmöbel aus Gusseisen, die noch heute nachgegossen werden. Auch Schmuckteller (sog. Schinkelteller, Flussgötterteller) werden weiterhin hergestellt (Abb. 6).

Eisenkunstguss ist heute weniger bedeutend, es fehlt wohl die wertvolle Anmutung des Materials. Schwerpunkt beim Kunstguss ist heute der Bronzeguss. Aber es gibt einige Gießereien, die Nachgüsse der beschriebenen, aber auch neu entworfener Objekte liefern, das sind v.a. die Buderus‘sche Kunstgießerei in Hirzenhain, die Gießerei Lauchhammer, die Schwäbischen Hüttenwerke Wasseralfingen und noch ein einige andere. Die Königlich Preußischen Gießereien in Berlin, Gleiwitz und Sayn gibt es schon lange nicht mehr.

Günter Schinkel, OT 71 Bielefeld

OT71_Eisenkunstguss

Verzeichnis der Abbildungen:

Abb. 1: Eine Kaminplatte vom Ende des 17. Jahrhunderts

Abb. 2: „Das Abendmahl“ nach Leonardo da Vinci, L. Posch 1822-23, Berlin und Gleiwitz

Abb. 3: Kreuzbergdenkmal, 1818-28, aus: K.F. Schinkel, Sammlung architektonischer Entwürfe, 1823

Abb. 4: Armbänder mit gotisierendem Maßwerk und Rosenornamenten, um 1820-30, S.P. Devaranne und J.C. Geiss

Abb. 5: Kette mit gotischen Motiven und Akanthus, um 1820, J.C.Geiss, Berlin Brosche mit Gusskanälen, um 1815/20, S.P. Devaranne, Hanau, um 1830 Schmetterlingsbrosche, um 1815-20, S.P. Devaranne, Neuguss, Hirzenhain, nach 1970

Abb. 6: Fruchtteller mit Seegöttern, um 1820-30, Entwurf K.F. Schinkel, Berlin

Literatur- und Bildnachweise:
Engels, Gerhard und Wübbenhorst, Heinz, 5000 Jahre Gießen von Metallen, 3. Aufl., Düsseldorf 1994

Schmidt, Eva, Der preußische Eisenkunstguss – Technik, Geschichte, Werke, Künstler, Berlin 1981
Avenhövel, Willmuth, Eisen statt Gold, Preußischer Eisenkunstguss aus dem Schloss Charlottenburg, dem Berlin Museum und anderen Sammlungen, Berlin198