Konflikte, Kriege,Waffen, Flüchtlinge, – wird alles immer schlimmer?

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Konflikte, Kriege,Waffen, Flüchtlinge, – wird alles immer schlimmer?

Vortrag am 21.11.2016 vor OT 27 Pinneberg von Prof. Dr. Herbert Wulf 

Prof. Herbert Wulf ist ein international bekannter Friedens- und Konfliktforscher und emeritierter deutscher Hochschullehrer für Politikwissenschaft. Bereits in der Vor-stellungsrunde berichtete Herr Wulf (* 1939) über seinen beruflichen Werdegang. Sein Studium der Sozialwissenschaften schloss er 1978 mit der Promotion über das Thema ‘Rüstungsimport als Technologietransfer‘ ab. Er war mehrere Jahre als Entwicklungshelfer tätig und später als Wissenschaftler am Institut für Friedens-forschung und Sicherheitspolitik an der Uni in Hamburg und am internationalen Friedensforschungsinstitut SIPRI in Stockholm. In den Jahren 1991 und 2000 bis 2006 war er in Nordkorea tätig, als man weltweit noch die Hoffnung hatte, dieses Land vom Bau von Atomwaffen abhalten zu können. Leider zerplatzte diese Hoffnung spätestens dann, als das Präsidentenamt vom Vater auf den Sohn überging. Mit großem Interesse verfolgt Prof. Wulf auch die politische Entwicklung in Indien, wo er sich ebenfalls längere Zeit aufhielt.
Kriege, Konflikte, Waffen, Flüchtlinge, – ist in den letzten Jahrzehnten tatsächlich alles immer schlimmer geworden? Versucht man diese Frage ‚aus dem Bauch heraus‘ zu beantworten, so lautet die Antwort:‘ Ja!‘ Seit dem 2. Weltkrieg haben Kriege in Korea,, Vietnam, Angola, China, Palästina und in mehreren afrikanischen Staaten stattge-funden. Die sogenannte Kuba-Krise in den sechziger Jahren brachte die Welt an den Rand eines dritten Weltkrieges mit unabsehbaren Konsequenzen aufgrund der bereits vorhandenen Atomwaffen. Der Palästina-Konflikt schwelt seit mehr als sechzig Jahren. Aktuell finden Kriege in der Ukraine, in Syrien, Mali und im Sudan statt. Vor diesem Hintergrund erscheinen den meisten Menschen die Zeiten mehr als unsicher. Geht man aber mit nüchternen Zahlen und Fakten wissenschaftlich an dieses Thema heran, muss man feststellen, dass wir aber durchaus in besseren Zeiten leben, als noch vor 100 Jahren.
Wie kommt es zu diesem Widerspruch? Entscheidenden Anteil an einer gefühlten aktuellen Bedrohung haben die Medien, die sich primär mit Katastrophenmeldungen über bewaffnete Konflikte, Kriege und Hungersnöte befassen. Gute Nachrichten sind nach diesem Verständnis langweilig und für die Medien uninteressant, – nicht zuletzt deswegen, weil sie vermeintlich zu wenig Quote bringen. In einem Bericht der Süddeutschen Zeitung wurde kürzlich darauf hingewiesen, dass man mit den heutigen medialen Möglichkeiten quasi online die Kriege in allen Teilen der Welt mit verfolgen kann. Kriegsberichterstattungen und Reportagen aus Krisengebieten gibt es bereits seit langer Zeit, aber heute kommen Meldungen aus dem Internet dazu, die in kürzester Zeit verbreitet werden, ohne jemals auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft worden zu sein. Jeder, der sich berufen fühlt oder sogar eigene Interessen verfolgt, kann sich über das Internet äußern und Bilder und Filme online stellen, bevor diese Meldungen als ‚fake‘ entlarvt worden sind. Sollten sie sich dann als falsch erweisen, haben sie aber schon weite Teile der Internet-Gemeinde erreicht und sich in deren Köpfen festgesetzt. Ein Löschen dieser Falschmeldungen in den Online-Diensten entfällt in den allermeisten Fällen ebenfalls. Um medial nicht ins Hinter-treffen zu geraten, hängen sich die Rundfunk- und Fernsehanstalten oft ohne genauere Prüfung an die Online-Meldungen dran. Was beim Zuschauer hängen-bleibt, ist die Schlussfolgerung, dass das, was im TV oder im Internet vorgeführt wird, der Realität entspricht.
Als Beispiel führte Prof. Wulf den Irak-Krieg im Jahre 2003 an. Die amerikanische Regierung behauptete, der Irak unter Saddam Hussein verfüge über Massenver-nichtungswaffen. Der UNO wurden auch gleich entsprechende Beweise in Form von Luftbildern und Dokumenten vorgelegt, die sich im Nachhinein als Fälschungen herausstellten. Da hatte aber der UN Sicherheitsrat bereits grünes Licht zum Ent-senden von Truppen gegeben, – mit dem bekannten Ergebnis: Saddam Hussein gefangen und hingerichtet, aber kein Frieden und Regierungen mit zweifelhafter Gesinnung und korrupten Regierungsmitgliedern. Anschließend Destabilisierung in Libyen und weiteren nordafrikanischen Staaten und Entstehung des sogenannten IS mit allen bekannten Auswüchsen.
Ein weiteres Beispiel für mediale Beeinflussung wird uns nach Prof. Wulfs Prognose spätestens in ein bis zwei Wochen vorgeführt, wenn auf allen Sendern und in vielen Zeitschriften Bilder von hungernden Kindern gezeigt werden und Spendenaktionen gestartet werden. Die Intensität dieser Bilder ist so beeindruckend, dass beim Zuschauer das Bedürfnis geweckt wird, unbedingt etwas gegen den Hunger in der Welt tun zu müssen, – also zu spenden. Das funktioniert besonders gut in der Vorweihnachtszeit. Dabei ist nach Prof. Wulfs Aussage die Anzahl der Hungernden auf der Welt in den letzten Jahren ganz deutlich zurückgegangen.
Trotz allem hat aber die Anzahl von gewalttätigen Konflikten und Kriegen in den letzten Jahren abgenommen. Leider ist es keine Meldung wert, wenn zum Beispiel in Myanmar erfolgreiche Friedensverhandlungen stattfinden und wenn sich in allen Teilen der Welt langsam die Erkenntnis durchsetzt, dass es allgemeingültige Menschenrechte gibt, die zu respektieren sind. Auch wenn von einigen Despoten die Menschenrechte ignoriert werden, so ist aber doch die Möglichkeit vorhanden, diese Herrschaften vor den internationalen Gerichtshof zu stellen und zu verurteilen. Das klappt zwar in vielen Fällen noch nicht so effizient, weil die vereinten Nationen mit Staaten besetzt sind, die ein Veto-Recht ausüben können. Aber der Trend ist, so Prof. Wulf, eindeutig: Die Stärke des Rechts wird sich gegenüber dem Recht des Stärkeren durchsetzen.
In der anschließenden Diskussion sorgte diese Prognose dann aber doch für einige Einwände. Schwer vorstellbar ist in diesem Zusammenhang, dass die Söldner, die unter der Fahne des IS ihr menschenverachtendes Unwesen treiben, ganze Städte in Schutt und Asche legen, ihre Gegner mit Vorliebe und im wahrsten Sinne des Wortes einen Kopf kürzer machen und eine mittelalterliche Staatsform anstreben, sich von UN-Resolutionen und Menschenrechten nachhaltig beeindrucken lassen. Wer ein dermaßen krankes Weltbild hat, versteht üblicherweise nur Gegengewalt und die kommt in den meisten Fällen eben nicht ohne Waffen aus, um erfolgreich sein zu können.

Wer als Friedensforscher tätig ist, darf bestimmt nicht zynisch veranlagt sein und muss mit einem sehr gesunden Optimismus *) ausgestattet sein. Man darf auf die kommenden Jahre gespannt sein, insbesondere vor dem Hintergrund, dass im nächsten Jahr eine amerikanische Regierung antritt, deren Präsident nach eigenem Bekunden ‚an Fakten nicht interessiert ist‘.

Ein ganz herzlicher Dank an Prof. Wulf für diesen hochinteressanten Vortrag !