OT 55 Berlin. Besprechung zum Buch von Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung

Ausschnitt aus dem Protokoll von OT 55 Berlin, freigegeben von Günther Gaul mit dem Hinweis, dass es sich um eine unvollständige Mitschrift des Vortrags handelt

Hartmut Rosa: „Resonanz“, Dietrich Dömling mit Gedanken zum Buch (Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Suhrkamp 2016). Der Soziologe Rosa (Universität Jena) erklärt als Philosoph die Welt. Der Angelpunkt einer Gesellschaft und ihres Lebens ist der zwischenmenschliche Bereich. Alle anderen Erklärungen, Philosophien oder wissenschaftlichen Abhandlungen zur Existenz der Gesellschaft sind kalte Betrachtungen „von außen“; ihnen fehlt das Wichtigste: die Empathie, das Mitfühlen und Verstehen.

Die kritische Theorie der Gesellschaft und ihrer Entwicklung ist fast am Ende. Die von Marx vorausgesagte Zwangsläufigkeit hat sich nicht verwirklicht. Statt materiell definierter Gesellschaftsklassen und ihrer Machtkämpfe spaltet sich die Gesellschaft emotional: man ist Kosmopolit oder Heimattümler. Diese Begriffe beinhalten Empfindungen, die Glück oder zumindest Zufriedenheit vermitteln. Es entstehen Beziehungen zur Natur, zu Menschen, zu sich selbst, die dabei gefühlten eigenen Erfahrungen sind eine „Resonanz“; sie tragen zum Weltverständnis bei und schaffen eine Harmonie im zwischenmenschlichen Bereich, die die Sinne erfaßt. Die Folge ist Selbsterkenntnis, man will verstehen, verstanden werden, dabei sein. Hat man diese Resonanz nicht, treibt man in die Isolation und letztlich Abschottung von der Gesellschaft.

Der Weltzugang, d.h. ein lebenswertes Leben, hängt von unterschiedlichen Größen ab, darunter ein soziales Netzwerk und Vermögen. Ein Einkommen ab USD 60.000,- soll angeblich für ein Leben in Zufriedenheit und Glück ausreichen. Weitere Einkommenssteigerungen steigern das Glück nicht mehr in gleichem Maße. Welchen Nutzen haben also die neuen Möglichkeiten zur Zeit- und Arbeitsersparnis, die neuen Themen, die zusätzliche Schnelligkeit in Kommunikation und Abläufen für den Einzelnen? Sie eröffnen Felder für neue Aktivitäten, für neue Netzwerke, für zusätzlichen Reichtum aber auch für zusätzlichem Wettbewerb, vor zusätzlichem Streß, vor erhöhter Angst zu versagen und zurückzufallen, aber nicht für zusätzliches Glück. Das Leben wird schneller – aber technisch. Die Entfremdung untereinander steigt, denn der gesamte zwischenmenschliche Bereich entwickelt sich nicht mit – dies wird von der Politik völlig ignoriert.

Man sollte die neue Freiheit nicht nutzen, um sich neue Zwänge auferlegen zu lassen, sondern vom Müssen zum Wollen streben. Gute Resonanzbeziehungen bestehen z.B. in einer guten Ehe: man hört einander zu, will einander verstehen und handelt nach diesem Verständnis. 

Das bedeutet nicht, daß man nicht auch streiten kann – dadurch können Resonanz und Harmonie sogar verstärkt werden, falls man gutwillig streitet. Hegel: „Resonanz ist Aufhebung von Identität und Differenz“ – man wird Eins. Streß und Burn Out – Symptome blockieren diese Resonanz. Man kann durch Verstärkung der Resonanz seine Lebensqualität verbessern und vielleicht sogar das Leben selbst verlängern. Menschen in sozialen Gemeinschaften, wie Klubs oder Vereinen fühlen sich besser. Vielschichtige Aktivitäten, bürgerschaftliches Engagement für ideale und konkrete Ideen, Interessengemeinschaften – alle diese Tätigkeiten gemeinsam mit Gleichgesinnten stärken Resonanz; wer nicht genügend menschliche Kontakte hat, stirbt einen sozialen und vielleicht auch früheren Tod. Rosa: „Leben gelingt nicht dadurch, daß ich es beherrsche, sondern dadurch, daß ich es liebe“.

Die anschließende Diskussion konzentrierte sich schnell auf den gegenwärtigen Stand der Gesellschaftsstruktur und deren Entwicklung. Dabei wurde an vielen Beispielen gezeigt, daß die Menschen heute egoistischer, weniger empathisch und materialistischer geworden seien; andere Beispiele standen aber auch dagegen. Die gegenseitige Entfremdung sei in vollem Gange (Pflege, Kommunikation per SMS statt Gespräch usw.) und man überlasse das Helfen lieber staatlichen oder kommunalen Organisationen, anstatt selbst anzutreten.

Zivilcourage müsse gefördert und belohnt werden, fordert Dietrich, aber das Gegenteil ist der Fall. Wenn Unglücke zu Selfie-Events werden, Dankbarkeit für Unterstützung ausbleibt oder das Vermögen den Status bestimmt wird Resonanz weder geweckt noch empfunden.

Dietrich schlug vor, über dieses Thema bis zum Herbst nachzudenken, dann könnten wir evtl. noch einmal darauf zurückkommen. Kräftiger Beifall dankte ihm für seinen nicht immer leicht zu verdauenden Vortrag.

P.S.: noch ein Buchvorschlag von Dietrich: Joachim Bauer. „Warum ich fühle, wie Du fühlst“, Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone. Hoffmann u. Campe, 11.Aufl. 2006