OT 64 Südpfalz: „Islam – Der Ruf des Muezzins“ Museumsbesuch in Annweiler mit Vortrag

Museumsbesuch in Annweiler mit Vortrag des Museumsleiters zum Thema „Islam – Der Ruf des Muezzins“

Von Herrn Kölsch, dem Leiter des Annweilerer Stadtmuseums, erhielten wir eine Führung durch die derzeitige Ausstellung zu o. g. Thema. Seine Vorträge in den einzelnen nach Themen und Epochen organisierten Räumen waren äußerst vielschichtig und oftmals auch so detailliert, dass diese per Protokoll kaum wieder gegeben werden können. Einige Sachverhalte sind dennoch „hängen geblieben“ und sollen hier – wenngleich auch nur ansatzweise und in sich nicht immer vollständig – angeführt werden:
Der auf der arabischen Halbinsel anfangs des 7. Jahrhundert als Weltreligion entstandene Islam hatte schon Ende des gleichen Jahrhunderts Nordafrika, den Vorderen und Mittleren Osten sowie große Teile von Zentral-asien erfasst. Die heutige Anzahl an Muslimen wird auf 1,6 Mia beziffert.

Der Koran als Heilige Schrift enthält die Offenbarungen Allahs (Gottes) durch den Propheten Muhammad aus Mekka (570 – 632). Der Islam ist eine monotheistische Religion. Es gibt keinen Gott außer Allah und Muhammad ist sein Prophet. Der Koran besteht aus 114 Suren, die keine chronologische oder thematische Ordnung aufweisen. Neben dem Koran ist die Sunna das zweitwichtigste Werk des islamischen Rechts, in dem der nachahmenswerte Weg Muhammads beschrieben wird (Verkündung göttlicher Offenbarungen und Festlegung ritueller und alltäglicher Verhaltensregeln).

Die Scharia als religiöses Gesetz des Islam beruft sich nicht nur auf den Koran, sondern auch auf Traditionen und Überlieferung sowie auf das über Jahrhunderte von muslimischen Rechtsgelehrten entwickelte Rechtssys-tem zur Lebensführung der Muslime. Mit der Scharia sollen die Gläubigen letztlich befähigt werden, im Dies-seits rechtschaffen zu leben und sich auf das Jenseits vorzubereiten.

Zwischen Judentum, Christentum und dem Islam gibt es viele Gemeinsamkeiten wie auch den Glauben an einen einzigen Gott, der die Welt erschaffen hat, die mit dem jüngsten Gereicht enden wird. Muhammad ist der letzte in der Reihe der biblischen Propheten, der das Wort Gottes überliefert hat.

Muhammad empfing regelmäßig Offenbarungen, bis ihn schließlich Gott aufforderte, den Glauben öffentlich zu predigen. Die ersten Predigten in Mekka stießen auf wenig Gegenliebe, denn im polytheistischen Mekka gab es große jüdische und christliche Gemeinden. Als der Widerstand größer wurde, beschloss Muhammad nach Medina auszuweichen. Diese Flucht wird als Hidschra bezeichnet und bildet den Beginn der islamischen Zeitrechnung (a.H. = after Hidschra).

In Medina befasste sich Muhammad auch mit Fragen des Rechts und den sozialen Verhältnissen. Er war nicht nur der spirituelle Anführer, er zeichnet sich auch durch die Begabung aus, immer das Richtige zu tun. So vereinte er beispielsweise die wegen Oasen, Wasser und Handelsrechten in Fehde liegenden arabischen Stämme.

Im Jahre 8 a.H. nahmen Muhammad und seine ständige wachsende Anhängerschar Mekka fast kampflos ein. Sein strategischer Schachzug gipfelte darin, dass er die Gründung der Ka’ba Abraham zusprach und damit die religiöse Legitimation des Heiligtums vor den Zeitpunkt der Gesetzgebung Moses und somit zeitlich vor die jüdische Tradition setzte.

Nach dem Tode Mohammads wurde nicht, wie man wohl hätte erwarten können, sein Schwiegersohn Ali, son-dern Abu Bakr, ein Ratgeber Muhammads in weltlichen Fragen, von der islamischen Gemeinde zum 1. Kalifen (= Nachfolger und Stellvertreter des Propheten) bestimmt. Noch zu Lebzeiten (gest. 634) ernannte dieser ‘Umar zum 2. Kalifen, welcher als eigentlicher Begründer des islamischen Weltreichs gilt. Er dehnte das islami-sche Staatsgebiet nach Mesopotamien, Syrien, Palästina, Ägypten und in den Iran aus. Er wurde genauso planmäßig in Medina ermordet wie sein Nachfolger ‘Uthman, der 3. Kalif. In der Nachfolge von ‘Uthman konnte sich zunächst Ali gegen Mu’awiya (ein Verwandter ‘Uthmans) durchsetzen. Mu’awiya, welcher zwischenzeitlich schon ein neues Machtzentrum in Damaskus erschaffen hatte, gewann die kriegerische Auseinandersetzung mit Ali, welcher in diesem Zusammenhang dann auch ermordet wurde. Alis erstgeborener Sohn Hasan verzich-tete gegen Geld auf das 4. Kalifenamt. Alis später aufbegehrender zweiter Sohn Husain wurde mit seiner Anhängerschaft von den Umayyaden besiegt und enthauptet. Damit war das 1. Kalifat von Mekka beendet.

Der wohl interessanteste Aspekt des spannenden Vortrages von Herrn Kölsch, zumindest aus meiner Sicht, war die Spaltung des Islam in die Anhängerschaft der Schiiten und in die der Sunniten. Ausgangspunkt sind zwei Prinzipien in der Frage der Herrschaftslegitimation, die genealogische Nähe zu Muhammad einerseits und die frühen Verdienste um den Islam andererseits. Abu Bakr und auch ‘Umar erfüllten zumindest die zweite Voraussetzung. Der 3. Kalif ‘Uthman und sein Nachfolger Mu’awiya gehörten dem Familienclan der Umayyaden an, der keine der beiden Voraussetzungen aufzuweisen hatte. Den Gegnern der Umayyaden war schon die Verlagerung des Kalifats nach Damaskus ein Dorn im Auge.

Nach ihrer Auffassung hätte logischer-weise Alis Sohn Hasan (Ali wurde ja bekanntlich ermordet, vgl. oben) der 4. Kalif werden müssen. Für die Umayyaden , die militärisch überlegen waren, waren dagegen alle 4 Kalifen rechtmäßig, da nach ihrer Meinung Gott sie schon vor der Entstehung des Islam zur Herrschaft über die arabischen Stämme berufen habe. Von nun an gab es zwei islamische Strömungen, die Anhänger der Partei Alis, die Schiiten, und die Anhänger der Umayyaden, die Sunniten. 14 Jahrhunderte dauert diese Spaltung nun schon an. Wenig hat sich im Verhältnis zueinander verbessert, ganz im Gegenteil: Beide Lager haben sich ihre Feindschaft bis zum heutigen Tage in ganz besonderer und für uns alle spürbarer Weise erhalten.

Viele andere bemerkenswerte und durchaus protokolltaugliche Aspekte wurden von Herrn Kölsch noch ange-sprochen, beispielsweise die drei Eigenschaften Allahs: Allmacht, Allwissen und Barmherzigkeit, die fünf Säu-len des Islam, die Pilgerfahrt nach Mekka, der Ramadan als neunter Monat des islamischen Jahres und die Zeit des Fastens, der Volksislam, der Islam in Südasien, die Frauen im Islam und das Kopftuch, die Verschleie-rungsformen, das Bilderverbot im Islam, die Kalligraphie und Ornamente, die Muslime in Deutschland, Islam und Terrorismus.

Da das Abfassen eines Protokolls doch auch ein gewisses Maß an Arbeit mit sich bringt, darf der Protokollant wohl auch Schwerpunkte setzen, um nicht an einer Überfülle seines Protokolls zu ersticken. Somit werden logischerweise manche Punkte etwas ausführlicher dargestellt, manche nur „gestreift“, einige wenige vielleicht sogar vergessen. Sicherlich folgt die Schwerpunktsetzung auch etwas den persönlichen Interessen. Ich denke, Ihr seht mir das nach und bitte um Euer Verständnis.

Gerade fällt mir noch eine Sache ein, die Herr Kölsch so am Rande erwähnt, die mich persönlich aber gehörig berührt hat. Nein, ich denke jetzt gerade nicht an die Überführung der Null durch die Araber nach Europa, die erklärt, dass man sich hier zwangsläufig auch mit einigen Nullen abgeben muss; ich meine die Sache mit dem Mathematiker Muhammad ibn Musa al-Khwarizm am Hofe des Kalifen von Bagdad, von dessen Namen der Begriff Algorithmus abgeleitet wird. Mit Algorithmen habe ich mich beruflich über viele Jahrzehnte bis zum heutigen Tage immer wieder gerne beschäftigt; sie waren und sind quasi ein Teil meines Lebens. Es war mir eine große Genugtuung, am Abend des 7.6.18 einem alten „Verwandten“ mit großer Bewunderung und Wertschätzung begegnen zu dürfen. Hut ab!