Was ist von der 68ger Bewegung geblieben?

Was ist von der 68ger Bewegung geblieben?

Biographische Betrachtungen eines 68jährigen

Vortrag von Dirk Oelbermann vor OT 302 Bremen am 10.11.2016

Dirk hat auf einer längeren Zugfahrt die Zeit genutzt und darüber nachgedacht, was bzgl. seiner Biiographie von der 68ger Bewegung geblieben ist. Freundlicher Weise hat er dem Sekretär den Vortrag im Original überlassen und auch gestattet, dass er hier wiedergegeben wird.
Hier also Dirks Vortrag:

 

Als 15 jähriger, das war 1963, bin ich von zu Hause ausgezogen:

Aus meinem Heimatdorf Elverdissen, heute ein Ortsteil von Herford in Ostwestfalen-Lippe, wurde ich aufs evangelische Aufbaugymnasium in Espelkamp-Mittwald im heutigen Landkreis Minden – Lübecke nahe dem sogenannten ” Nordpol” von NRW geschickt .Meine Eltern meinten, ich sollte trotz schlechter Intelligenzprognosen , die im Rahmen von Schultests ermittelt worden waren, Abitur machen.
Mein Vater arbeitete in Elverdissen bei der Firma ” Adolf Ahlers Bekleidungswerke “.
Das Internat in Espelkamp-Mittwald wurde 1964 geschlossen, da der Nachschub von Schülern aus der DDR wegen des Mauerbaus in 1961 ausblieb und wir paar Westler es nicht füllen konnten. Ich zog in eine vergleichbare Einrichtung der evangelischen Landeskirche des Rheinlandes nach Hilden bei Düsseldorf um, wo ich im Frühjahr 1968 das Abitur ablegte.
In Herford formierte sich ab 1966 eine Jugendbewegung links von den Naturfreunden und den Jusos, an der ich in den Ferien und an den Wochenenden intensiv beteiligt war. Wir brachten Flugblätter heraus, waren Mitorganisatoren einer Roten-Punkt- Aktion gegen Fahrpreiserhöhungen des öffentlichen Nachverkehrs, protestierten gegen Altnazis und die neuen in der NPD.
Später kamen als neue Themen die Notstandsgesetze, Dritte-Welt-Fragen, der Vietnamkrieg, hinzu.
Erste ” Kaderschulungen ” erhielten wir an Wochenenden in der Bildungsstätte der Jusos in der Senne bei Bielefeld.
Ich kann gar nicht mehr sagen, was und warum ich mich frühzeitig politisierte:
Natürlich das allgemeine Lebensgefühl als Jugendlicher frei zu sein, Autoritäten in Frage zu stellen, sich gegen Lehrer, Eltern und andere Autoritäten aufzulehnen. Es war mehr:
Beeinflusst hatte mich sicher mein Vater, der vom Nerother Wandervogel, einer bündischen Jugendbewegung im Rheinland in der Weimarer Republik berichtete, von der Gleichschaltung durch die Hitlerjugend nach 1933 , von der Inhaftierung seiner Onkel, Karl und Robert Oelbermann, der später im KZ Dachau starb.
Das intellektuelle Klima in Hilden und in der Oberstufe des Dietrich- Bonhoeffer – Gymnasiums bildete ebenfalls einen starken Nährboden, ganz anders als in Espelkamp-Mittwald. Die Auseinandersetzung mit den Ideen und dem Schicksal des Namensgebers unserer Schule , sein Kampf in der Bekennenden Kirche um Niemöller gegen die Reichschristen , sein Tod im Kz , gehörte zum Pflichtkanon. Das Lehrerkollegium bestand teilweise aus Lehrern, die wegen ihres Glaubens und ihrer Zugehörigkeit zur evangelischen Kirche aus der DDR geflüchtet waren. Es waren ” sozialistische Christen “, die vom DDR-Regime, aber nicht von den ” sozialistische Idealen “, enttäuscht waren.
Zum Herbstsemester 68 begann ich mein Studium an der neugegründeten Ruhr-Universität in Bochum. Eingeschrieben hatte ich mich für Sozial- und Rechtswissenschaften.
Meine soziale Heimat fand ich schnell in der dortigen Evangelischen Studentengemeinde ESG.
Die ESG hatte die räumlichen und materiellen Ressourcen, um den linken Gruppen und Grüppchen Unterschlupf zu bieten. Aus Dritte-Welt-Arbeitskreisen, Anti-Notstandsgesetze – und Vietnamkrieg -Protesten wurden schnell gemeinsame Sitzungen mit den SDS, Spartakus und später den ML- Gruppen.
Das Studium der sozialistischen Klassiker Marx- Engels-Lenin-Trotzki- Stalin- Mao-Tse-Tung im Rahmen dieser Gruppen und Grüppchen, wurden durch universitären Vorlesungen und Diskussionen zur Kritische Theorie, Adorno, Horkheimer, Habermas, Offe um andere Sichtweisen ergänzt.
Die linken Theoretiker wie Wolfgang Abendroth, Oskar Negt, Bernd Rabell, Bertrand Russelt, habe ich gelesen, später viel Habermas und natürlich Luhmannn und die Systemtheorie.
Durch unseren Studentenpfarrer bekam ich Kontakt zu der italienischen evangelischen Diaspora- Kirche, den Valdensern, Chiesa Valdese, die in den Bergen südöstlich von Turin eine Begegnungsstätte unterhielt. Zwei oder dreimal habe ich dort an internationalen Konferenzen in den Semesterferien teilgenommen. Vertreten waren ausser Studenten aus Italien, Frankreich, den Vereinigten Staaten auch Exponenten der Befreiungsbewegungen aus dem südlichen Afrika, aus Mittel-und Südamerika. Diskutiert wurden über den antikolonialen und antiimperialistischen Kampf, die kubanische Revolution, etc.
Durch die italienischen Genossen, die durchweg einen bürgerlichen Hintergrund hatten, lernte ich den ” italienischen Weg”, das Leben und den Lebensstil der linken Bourgeois kennen. So etwas kannte ich nicht. Wir “protestantischen Krieger” waren verbiestert, verkniffen, lustfeindlich, spießig und miefig in den 50-ziger und 60-ziger Jahren alten BRD sozialisiert worden. Link, lässig, locker, Genuss orientiert, das war neu und attraktiv. Diesen für mich unauflösbar erscheinenden Widerspruch, hatte die italienische Linke für sich offenbar gelöst? Den italienischen Genossen war jede Form von Sektierertum, die uns anhaftete, fremd.
Ich lebte in den letzten Studienjahren, in Bochum war ich bis zum Sommer 1963, in einem sich zuspitzenden theoretischen aber auch praktischen Spagat:
Einerseits Zugehörigkeit zur” Roten Zelle Rechtswissenschaft “, Mitarbeit in der KPD/ML, Flugbalttverteilung vor der Frühschicht vor dem Opel-Werk, den Stahlwerken und Zechen, andererseits studentische Hilfskraft im Rektorat unter Rektor Kurt Biedenkopf, der mein Hochschullehrer für Wirtschafts – und Wettbewerbsrecht war und mich in die theoretische Grundlagen der sozialen Markwirtschaft, der “Freiburger Schule ” um Eucken, Böhm und Röpke eingeführte, die These von der Gemeinwohlorientierung wirtschaftlichen Handels, der Staat als Setzer der Rahmenbedingungen innerhalb derer die Wirtschaftssubjekte ihre Tätigkeiten eingegrenzt durch das Gemeinwohlpostolat ausüben.
Poppers Hauptwerk ” Die offene Gesellschaft und ihre Feinde ” eröffnete neue Horizonte.
Neben der Wissensvermittlung für das Fachstudium, Vorlesungen, Seminare, Übungen, erwarb ich mir in diesen intellektuell intensiven Jahren methodisches Wissen an, vor allem auf die eigene intellektuelle Kraft zu vertrauen und die Interessengebundenheit jedes Arguments zu hinterfragen.
Mit Ende des Studiums 1973 mußte ich mich entscheiden:
Einige Genossen von der KPD/ML gingen in den Untergrund, andere mischten sich unter das Proletariat, wurden Bergleute oder Bandarbeiter bei Opel.
Ich entschloss mich zur Flucht, wurde ” Renegat “, und zog für den Referendardienst nach Bremen, wohin meine damalige Freundin ein halbes Jahr vorher umgesiedelt war.
Der Beginn des Referendardienstes verzögerte sich durch die sogenannten Berufsverbote. Durch einen Antrag auf Einstweiligen Rechtsschutz durch den damaligen prominenten Rechtsanwalt Heinrich Hannover konnte ich im Herbst 1973 den Referendardienst in Bremen beginnen. Die Wartezeit hatte ich durch Arbeit auf dem Großmarkt und als Hilfsschlosser auf der Klöckner Hütte überbrückt.
Unsere Referendargruppe von nach meiner Erinnerung 12 Referendaren setzte sich aus 8 ehemaligen KPD Kämpfern, 2 Jungsozialisten und 2 Neutralen zusammen. Unseren Ausbilder, dem damaligen Oberstaatsanwalt Witzig, haben wir nicht immer fair behandelt.
Im Frühjahr 1976 bestand ich die zweite juristische Staatsprüfung und ließ mich als Rechtsanwalt nieder. Mein 40 jährige Berufsjubiläum war in diesem Frühjahr. Dazwischen lagen Ehe, Kinder, Karriere.
Nach der Referendarzeit trat ich der SPD bei und fand im Ortsverein Altstadt mein neues soziales Nest. Dies verließ ich 1989 mit dem Fall der Mauer und der Aufnahme der Tätigkeit für die Treuhandanstalt in Berlin.
Ab etwa 1996 kehrte ich wieder ganz nach Bremen zurück, meine Tätigkeit als Insolvenzverwalter konnte ich wieder aufnehmen und sogar intensivieren. Meine Ehe hingegen war gescheitert.
2016 habe ich die erste Photovoltaik-Anlage gebaut, weitere folgten. In den letzten beiden Jahren habe ich in gebrauchte in Norditalien investiert.
Was bleibt: Die Methode der kritischen Theorie, des Hinterfragens, der Anspruch auf rationales Handeln, der Entmystifizierung falscher Autoritäten , der Antiautoritarismus , das eigene Denken und Verstehen .
Das ist nicht wenig in einer Zeit, in der die ” Wahrheit ” scheinbar nicht mehr oder nur noch wenig zählt.
Expertenwissen wird diskreditiert, die Abneigung gegen Fakten wächst.
Die Flut der Informationen wird mit Wissen verwechselt. ” Gefühlte Wahrheiten ” aus der eigenen sozialen Gruppe treten an Stelle von überprüfbaren Fakten.
Das ” Postfaktische ” als flotter Lifestyle Slogan birgt tödliche Gefahren. Nicht auf das Produkt, sondern auf das durch das Produkt erzeugte Lebensgefühl soll es ankommen. Was als postmodernes Lebensgefühl in der Werbung akzeptabel sein kann, feiert seinen Siegeszug in so verschiedenen Erscheinungsformen wie Populismus, Isolationismus, Terrorismus etc.
Die Fähigkeit zum wahrheitssuchenden Dialog bildete meines Erachtens die Grundlage jedwedes gesellschaftlichen Zusammenhalts. Investitionen in ” Wahrheit produzierende ” Institutionen und Systemen wie Schulen, Wissenschaft, Justiz, auch Medien, sind überlebenswichtig.
Ich selber gründe in diesem Jahr eine Stiftung mit dem Stiftungszweck ” Förderung von Kunst und Kultur, Jugendhilfe, der Förderung des demokratischen Staatswesen im Landkreis Leipziger Land, indem ich mein dortiges wohnwirtschaftliches Projekt, bestehend aus 102 Wohnungen, Garagen, Stellplätzen, Gemeinschaftshaus, welches ich die letzten 20 Jahre auf- und ausgebaut habe, einbringen werde.
Mit den Stiftungsmitteln will ich mich, wie man heute sagt, diskursiv in der Zivilgesellschaft einbringen.
Der Kampf geht weiter oder um es mit Luther zu sagen: Auch wenn ich wüßte, dass ich Morgen sterben müßte, pflanzte ich doch heute noch ein Apfelbäumchen.

 

 

Irgendwie hatte Dirk damit ein Thema getroffen, dass in uns allen schon fast vergessene Erinnerungen und Gefühle hervorbrachte. So konnten manche Geschichten beigesteuert werden. Martin berichtete über Änderungen am Gericht, die er zu dieser Zeit erlebt hatte und Uschi berichtete von ihrer Vereidigung als Lehrerin, andere erinnerten an Berufsverbote.

Die Jahrgänge 1940 bis 1950 bezeinet man als 68er oder Alt-68er. Für diese Menschen waren die späten 1960er Jahre eine prägende Phase, was man an Dirks Vortrag nachvollziehen kann. Nun haben wir aber auch noch einige Jüngere am Tisch. So kam es wohl, dass die Diskussion sich schließlich darum drehte, wie man die heutige Jugend wieder mehr bewegen könnte. Was schnell zu Bildung, Schule und Lehrern führte. Aber, davon ein anderes Mal.

Vielen Dank Dirk für einen tollen Vortrag und viel Erfolfg mit Deiner Stiftung.