Weihnachtspäckchen für Gagausien [Helmut Müller]

Helmut Müller von OT 17 Heilbronn begleitete den Weihnachtspäckchenkonvoi nach Moldawien und verteilte Päckchen in Kindergärten, Schulen, Behinderteneinrichtungen und Gemeindehallen in Gagausien im Süden Moldawiens

Olga kann es nicht erwarten und reißt ihr Päckchen sofort auf. Galina hat heiß rote Backen und ist noch nicht in der Lage, ihr Geschenk zu öffnen. Andrej und Jegor haben schon ausgepackt. Neugierig schauen sie in den Geschenkkarton des anderen – und fangen an, Spielzeugautos, Süßigkeiten, Legomännchen auszutauschen. Ohne Geschrei und Gezerre, ohne Neid oder Habgier. „Gagausien ist arm. Wir sind gegenseitig auf uns angewiesen. Deshalb lernen wir unseren Kindern schon im Kindergarten, wie wichtig teilen ist. Und dass wer hat, anderen gibt“, sagt Nadja, die Erzieherin.

wpk2016helmut066
Dass Reiche in Moldawien wieder etwas in die Gesellschaft zurückgeben, erfahren wir am Abend in einem edlen Club Restaurant mit riesigem Bildschirm und gehobener Küche. Der Besitzer will nicht genannt werden. Aber er erzählt gerne. Dass er auf seinen Reisen Geld gescheffelt hat. Mit was, sagt er nicht. Aber jetzt hat er sein Dorf, aus dem er kommt, mit Wasser und Strom versorgt. Und die Alten im Dorf dürfen auf seine Kosten einmal im Monat für umgerechnet 50 Euro (das ist fast ein halber Monatsverdienst in Moldawien) Lebensmittel einkaufen.

wpk2016helmut145
Das Gros der Bevölkerung lebt am Existenzminimum. Da ist selbst ein kleines Weihnachtspäckchen in der Größe eines Schuhkartons ein Segen. Für manche Kinder ist es das einzige Weihnachtsgeschenk, das sie bekommen. In einer Gemeindehalle warten über 500 Kinder auf die Verteilung durch die „roten Jacken“. Kindergartenkinder, Grundschulkinder, Teenager – sie alle stehen brav und diszipliniert mit hoffnungsvollen Augen an und freuen sich, ihr Päckchen entgegenzunehmen. Nur eine heult. Nele will ihr Geschenk nicht. Es ist groß. Viel größer als die anderen. Aber es gefällt ihr nicht. Da hilft auch alles Zureden der Mutter nichts. Erst als ich ihr ein anderes Päckchen hinhalte mit rotem Papier und lustigen Rentieren drauf, nickt sie und schaut verstohlen ihre Mutter an. Als diese auch nickt, ist es aus mit den Kullertränen. Nele schnappt sich das Päckchen, umarmt es und strahlt vor Freude. Wieder ein Kinderherz erwärmt. Wie so viele in drei Tagen.

Dabei werden die Päckchen nicht wahllos verteilt. Die deutsche Deichmann-Stiftung organisiert über ihr Hilfswerk „Wort und Tat“ die Verteilung. Vitali Chiurcciu, der die Stiftung zum Aufbau Gagausiens leitet, hält den Kontakt zu den Gemeinden und Einrichtungen. Für Gagausien bringen wir 5.300 Päckchen in einem 17-Tonner-LKW mit. Nicht weniger als 24 Stationen werden in zweieinhalb Tagen angefahren, Kindergärten, Behinderteneinrichtungen, Schulen, aber auch Bürgermeisterämter und Gemeindehallen. Mal sind es nur 30 Geschenke, mal aber auch über 500 auf einen Schlag. Und immer sind Verantwortliche vor Ort, die abhaken. Die Kinder sind in Namenslisten geführt. Entweder sie unterschreiben selbst oder ihre Mütter, Väter, Großeltern. „Zuallererst werden die Ärmsten der Armen bedient“, erklärt Olga Parzany von „Wort und Tat“. Dann Familien mit vielen Kindern. War im letzten Jahr das Kindergartenkind dran, erhält in diesem Jahr das Schulkind ein Päckchen. So wird für größtmögliche Gerechtigkeit gesorgt. Auch wenn es vor Ort aufhält.
wpk2016helmut156Wir verteilen in einem abgelegenen Ort im Freien vor der Treppe des Gemeindezentrums. Ein 14-Jähriger steht mit melancholischem Blick am Rande, zum Herzerweichen. Ich biete ihm ein Päckchen an. „Nein, ich bin noch nicht aufgerufen“, sagt er und wartet geduldig. Dann ist es soweit. Ein Stein scheint ihm vom Herzen zu fallen und mit in sich gekehrtem Lächeln nimmt er sein Päckchen entgegen. Nikolai lädt uns nach der Verteilung zu Tee und Süßigkeiten ein. Der Bürgermeister von Besghioz bedankt sich im Namen der Gemeinde für die Päckchen und erzählt die Geschichte von vier Kindern, die in diesem Jahr auf Kosten des Konvois zwei Wochen Urlaub im Round Table Kinder- und Jugencamp Kaub machen durften. Die Kinder hätten zum ersten Mal in ihrem Leben Berge gesehen, einen großen Fluss (den Rhein) und sie hätten begeistert erzählt, dass sie „jeden Tag was anderes gegessen“ hätten.
Andere werden nie die Gelegenheit dazu bekommen wie die Kinder in einer Einrichtung für Behinderte, autistische Kinder und Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen. Der 12-jährige Autist Michail schaut die Rotjacke mit großen braunen Augen an. Er rührt aber keinen Finger, das Geschenk zu nehmen. Erst als die Mutter ihm das Geschenk überreicht, huscht ein Lächeln über sein Gesicht und er nimmt das Päckchen an. Daneben auf der Couch heiteres Lachen und Jauchzen. Marija und Artjom haben ihre Päckchen schon ausgepackt. Artjom schnappt das Leopardenplüschtier und drückt es an sich und lacht aus vollem Hals. Marja wühlt sich durch die Süßigkeiten und reißt die Augen auf, als sie die weiße Plüschkuh mit schwarzen Flecken erblickt. Die Kinder sind ganz vertieft in ihre Geschenke und vergessen alles um sich herum.
Die Einrichtung ist liebevoll eingerichtet. Einfach aber so, dass sich die Kinder wohlfühlen. Auch eine Toilette ist vorhanden. Nicht so bei den Gemeinde- und Rathäusern. Mit Glück gibt es ein Plumpsklo außerhalb um die Ecke. „Bevor wir ins Rathaus investieren, geben wir Geld für unsere Kinder aus“, sagt Fjodor Fjodorowitsch, Bürgermeister von Tomai. Die Kinder seien die Zukunft und deshalb tue man alles, dass sie gesund und in guter Atmosphäre aufwachsen. Zuerst werden deshalb immer die Schulen und Kindergärten bedacht, dann erst andere öffentliche Gebäude. Das bestätigt sich bei jedem Besuch einer neuen Einrichtung.

wpk2016helmut162
Am dritten Tag ist die Mannschaft ziemlich erschöpft, aber dennoch zufrieden. Wir haben nicht nur Freude bereitet, sondern es wurde auch uns Freude geschenkt. Das Glück der Kinder nehmen wir mit nachhause.

INFO Weihnachtspäckchenkonvoi
Der Weihnachtspäckchenkonvoi ist eine Gemeinschaftsaktion von Round Table Deutschland, Old Tablers Deutschland, Ladies‘ Circle Deutschland und Tangent Club Deutschland. Unter dem Motto „Kinder helfen Kindern packen Kindergarten- und Schulkinder in Deutschland mit Unterstützung ihrer Eltern gebrauchte oder neue Spielsachen, Kleidungsstücke, Malsachen u.v.a.m. in einen Karton, verpacken diesen festlich und lassen ihn von Tablern oder Ladies in den Kindergärten und Schulen abholen. Die Päckchen werden zentral gesammelt und Anfang Dezember ans Ziel gebracht.
Beim Konvoi 2016 wurden insgesamt 106.000 Päckchen mit über 30 LKW-Sattelschleppern nach Rumänien, Bulgarien, Moldawien und in die Ukraine geliefert. 550 Päckchen davon kamen aus Heilbronn und Umgebung. Nach Moldawien fuhr außerdem ein LKW mit Krankenhausbedarf. Von Heilbronn nahmen in diesem Jahr Max Härle (28) vom RT 17 Heilbronn und Helmut Müller (61) vom OT 17 Heilbronn am Konvoi teil.
www.weihnachtspaeckchenkonvoi.de

INFO Moldawien
Die Republik Moldawien ist seit 1991 unabhängig. 1994 wurde Gagausien im Süden des Landes erfolgreich eingegliedert. Transnistrien im Nordosten dagegen hat sich abgespalten und ist seit 1992 de-facto-unabhängig unter russischer Führung. Die Amtssprache ist Rumänisch. In Gagausien wird Gagausisch gesprochen, das sich sehr ans Türkische anlehnt. Vor über 200 Jahren haben sich im Süden Moldawiens christliche Türken angesiedelt. Das Land besteht zu 80 Prozent aus Kulturland. Es lebt von der Landwirtschaft – hauptsächlich Obst- und Weinbau – und der damit verbundenen Industrie. Wein, Branntwein und Konserven sind Hauptexportartikel. Vor seiner Unabhängigkeit war Moldawien eine der wohlhabendsten Sowjetrepubliken. Durch den Transnistrien-Konflikt hat sich die wirtschaftliche Lage dramatisch verschlechtert. Heute ist Moldawien einer der ärmsten Staaten Europas und mit einem BIP von 2000 Dollar pro Kopf das wirtschaftsschwächste in Europa. Der Durchschnittslohn liegt bei rund 110 Euro im Monat.